Sprungziele
Seiteninhalt

Kroppenstedter Rathaus

Das viele Hundert Jahre alte Kroppenstedter Rathaus ist nicht nur baulich und optisch sehr gut erhalten, sondern hat auch etliche Besonderheiten zu bieten. Unter anderem ein Archiv mit gut 3000 historischen Akten und zwei bis heute funktionstüchtige Gefängniszellen …

Für Diebe, Betrüger und andere kleinere Kriminelle gab es im früheren Kroppenstedt kein großes Federlesen. Da die Stadt schon seit grauer Vorzeit von ganz oben mit Privilegien ausgestattet worden ist und beispielsweise für kleinere Delikte eigenständig Recht sprechen durfte, wurde auch in dem Ende des 16. Jahrhunderts neu gebauten Rathaus im oberen Stockwerk ein stattlicher Gerichtssaal mit allem Drum und Dran eingerichtet. In dem die Deliquenten zeitnah zu ihren Taten auf die Anklagebank gesetzt und bei erwiesener Schuld umgehend verurteilt worden sind. Und wer von ihnen einen kürzeren oder auch einen längeren Arrest verbüßen musste, der hatte kaum Zeit zur Besinnung und saß schon in der Zelle. Denn praktischerweise hat sich der Gerichtssaal unmittelbar neben dem Gefängnis beziehungsweise das Gefängnis unmittelbar neben dem Gerichtssaal befunden. So dass zwischen Urteil und Strafantritt an Flucht nicht zu denken war.

Das Ende des 16. Jahrhunderts gebaute Kroppenstedter Rathaus befindet sich in einem tadellosen Zustand
Das Ende des 16. Jahrhunderts gebaute Kroppenstedter Rathaus befindet sich in einem tadellosen Zustand

Die wohl prominentesten Insassen dieser Gefängniszellen waren Esaias Compenius und Martin Kugler. Den einen hatten die Kroppenstedter Anfang des 17. Jahrhunderts beauftragt, in der Martinikirche eine Orgel zu bauen, den anderen Mitte des 17. Jahrhunderts, anstelle des bisherige hölzernen Freikreuzes eines aus Sandstein zu errichten. Doch mit der Arbeitsweise der beiden waren die Kroppenstedter Ratsleute nicht so recht zufrieden, weshalb sie sie angeklagt und eingesperrt haben. Mit dem Ergebnis, dass beide nach ihrem Arrest ihre Arbeiten so wie von den Kroppenstedtern erwartet, erledigten.

Sowohl das Gefängnis mit seinen beiden Zellen als auch den Gerichtssaal gibt es noch heute. Doch wird hier nicht mehr rechtskräftig gerichtet und nicht mehr eingesperrt. Der Gerichtssaal dient nun etliche Hundert Jahre später als Ratssaal und die Gefängnistüren werden nur noch für Besucher zur Besichtigung geöffnet und geschlossen.

Seit mehreren Hundert Jahren geht es durch diese massive Tür ins Rathaus-Gefängnis
Seit mehreren Hundert Jahren geht es durch diese massive Tür ins Rathaus-Gefängnis

Wie das Kroppenstedter Rathaus insgesamt eine ausgiebige Besichtigung wert ist, hat es doch längst nicht nur den Gerichts- beziehungsweise Ratssaal und die Gefängniszellen zu bieten, sondern noch viel viel mehr. Was alles über die Jahrhunderte hinweg sehr gut erhalten worden und mitunter nicht nur hierzulande einmalig ist.

Im 934 zum ersten Mal urkundlich erwähnten Kroppenstedt hat es nach aktuellem Erkenntnisstand mindestens ein Vorgänger-Rathaus gegeben, ehe 1598 der Grundstein für das heutige Rathaus gelegt worden ist. Das wurde im spätgotischen Stil unter anderem mit zwei Dach-Erkern und einem Dach-Reiter errichtet. Allerdings ist dieses Gebäude 1713 bei einem großen Stadtbrand stark in Mitleidenschaft gezogen und daraufhin saniert worden, so dass es erst nach umfangreichen Sanierungsarbeiten seit 1719 so wie heute aussieht.

Ein Rathaus im eigentlichen Sinn, also vor allem der Sitz der städtischen Verwaltung, war das Kroppenstedter Rathaus bis 1993. Dann ist die Stadtverwaltung in Folge einer weiteren Gebietsreform nach Gröningen gezogen. So dass das Rathaus seither vor allem ein Beratungsort für den Kroppenstedter Stadtrat und etliche andere Gremien sowie eine Sehenswürdigkeit und damit ein Besuchermagnet war und ist.

Denn außer Ratssaal und Gefängnis gibt es hier vor allem noch ein historisches Archiv mit mehr als 3000 Akten, die mitunter älter als das Rathaus selbst sind. Es gibt nur wenige Archive kleinerer Städte weit und breit, die in solchem Umfang erhalten geblieben sind. So dass dieses Archiv eine gewaltige Fundgrube an Informationen zur Geschichte der Stadt Kroppenstedt und ihrer Bewohner ist. Das älteste Schriftstück ist ein Pergament aus dem Jahr 1466. Dabei handelt es sich um eine Verschreibungs-Urkunde  des Domkapitels zu Halberstadt. Ansonsten lassen sich hier reichlich Ratsprotokolle, viele Steuerunterlagen, Brauregister, Einwohner- und Eiquartierungslisten, Prozessvollmachten, Schul- und Kirchenakten, Kalendarien, Schriftstücke über Handel- und Gewerbesachen und viele andere historische Unterlagen mehr finden.

Museumsleiterin Heike Wolter im Rathausarchiv mit der Kladde, in der die mehr als 3000 historischen Akten allesamt aufgeführt und damit leicht zu finden sind
Museumsleiterin Heike Wolter im Rathausarchiv mit der Kladde, in der die mehr als 3000 historischen Akten allesamt aufgeführt und damit leicht zu finden sind

Und sie alle sind in einem grandiosen Zustand. Denn die frühere Rüstkammer sprich Waffenkammer des Rathauses, in dem sich heute das Archiv befindet, besitzt nicht zuletzt nach Überzeugung von Bürgermeister Joachim Willamowski und Museumsleiterin Heike Wolter ideale Aufbewahrungs- und Lüftungsbedingungen, solche historischen Akten zu lagern. Zu denen stetig weitere hinzukommen. Denn der eine oder andere Kroppenstedter hat in jüngster Zeit eigene Unterlagen oder auch Unterlagen aus dem Nachlass von Verwandten und Bekannten dem Archiv zur Verfügung gestellt. Beispielsweise Tagebücher oder auch Übersichten betrieblicher Entwicklungen. Die allesamt nun in das Kroppenstedter Stadtarchiv nach und nach eingeordnet werden.

Die mitunter mehr als 400 Jahre alten Akten sind allesamt geordnet und archiviert
Die mitunter mehr als 400 Jahre alten Akten sind allesamt geordnet und archiviert

Und die somit, wie alles andere auch, den Besuchern des Rathauses zur Besichtigung zur Verfügung stehen. Auf die aber noch weitere Besonderheiten warten. Beispielsweise ein Trauzimmer, das in den 1930er Jahren vom Halberstädter Kunstmaler Walter Gemm unter anderem mit drei Wandgemälden gestaltet worden ist, die den „Lebensmorgen“, den  „Lebensmittag“ und den „Lebensabend“ zeigen. Zudem hängt über dem massiven Schreibtisch des Standesbeamten eine Balkenlampe mit einer von Otto Gemm gefertigten Holzplastik, die die beiden damaligen Hauptberufe Kroppenstedts, also einen Bauern und einen Steinsetzer darstellt.

Blick in das Trauzimmer mit den Wandmalereien aus den 1930er Jahren
Blick in das Trauzimmer mit den Wandmalereien aus den 1930er Jahren

Während in diesem Trauzimmer vor der Corona-Zeit sehr häufig geheiratet wurde, jetzt aber des größeren Platzes wegen vor allem im Ratssaal Trauungen stattfinden, sind die Kellergewölbe des Kroppenstedter Rathauses ohnehin nur zu ganz besonderen Anlässen beziehungsweise bei Besichtigungen zugänglich. In diesem Gewölbe im Rathaus-Keller hat sich zu Zeiten der Postkutschen ein Pferdestall nebst Tränke befunden, in dem sich die Postreiter ausgeruht und ihre Pferde gewechselt haben. 1998 jedoch, ist nach umfangreichen Sanierungsarbeiten aus diesem Rathauskeller ein Ratskeller geworden. Der aber keine öffentliche Gaststätte ist, sondern nur zu ganz besonderen Anlässen seine Türen öffnet.

Die Rathaus-Freitreppe führt zu zwei Türen, die in früherer Zeit Eingänge in zwei verschiedene Rathaus-Bereiche waren
Die Rathaus-Freitreppe führt zu zwei Türen, die in früherer Zeit Eingänge in zwei verschiedene Rathaus-Bereiche waren

Sollte noch die eindrucksvolle Freitreppe an der Nord-, also an der Vorderseite als Weg zum Haupteingang des Rathauses erwähnt werden. Der gleich zwei Türen hat. Während heute beide Türen in den Vorraum des Rathauses führen, waren sie einst Zugang zu unterschiedlichen Bereichen. Die rechte Tür führte in das Verwaltungs-Rathaus und die linke Tür in den damaligen Ratskeller.

Seite zurück Nach oben