Martinikirche Kroppenstedt – Baugeschichte und außergewöhnliche Orgeltradition
Die Martinikirche gehört zu den bedeutenden historischen Bauwerken Kroppenstedts. Ihr romanischer Kirchturm verweist auf die ältesten Bauphasen, während Renaissance, Barock und spätere Umbauten bis heute sichtbare Spuren hinterlassen haben. Besonders bemerkenswert ist die Geschichte der Orgel: In einem gemeinsamen Gehäuse sind heute zwei unterschiedliche Orgelwerke erhalten.
Vom romanischen Kirchturm zur vierschiffigen Kirche
Der älteste Teil der Martinikirche ist der Kirchturm, der aus romanischer Zeit stammt. Im Laufe der Jahrhunderte wurde das Kirchengebäude mehrfach verändert und erweitert.
Um mehr Platz für die Kirchenbesucher zu schaffen, wurden anstelle des südlichen Langschiffes zwei Seitenschiffe im Stil der Renaissance angefügt. Dieser große Umbau begann 1593 und wurde 1616 vollendet.
Dadurch erhielt die Martinikirche ihre bis heute ungewöhnliche Gestalt: Sie ist vierschiffig und unsymmetrisch aufgebaut. Auf der Südseite prägen drei Giebel das Erscheinungsbild des Gebäudes.
Renaissanceportale und die historische Brauttür
An der Nordseite der Kirche befinden sich zwei Renaissanceportale aus dem Jahr 1616. Sie wurden von den Gebrüdern Sonnenberg gestiftet.
Besonders interessant ist das östliche Portal. Dort befindet sich eine reich geschnitzte Tür, die als sogenannte Brauttür bezeichnet wird. Sie geht auf eine Stiftung des Oberpredigers Chr. Thorwesten aus dem Jahr 1678 zurück.
Damit lassen sich an der Martinikirche bereits von außen mehrere Jahrhunderte Kroppenstedter Geschichte und Baukunst ablesen.
Barocke Ausstattung und kunstvolle Details
Auch im Inneren der Martinikirche sind zahlreiche historische Ausstattungsstücke erhalten. Besonders hervorzuheben sind die Kanzel aus dem Jahr 1684 und der Altar mit barocken Schnitzereien von 1693.
An der Rückwand des Altars befindet sich ein Verzeichnis aller Oberpfarrer und Diakone bis zum Jahr 1914.
Zu den älteren Ausstattungsstücken gehört außerdem der Taufstein von 1610. Das sechseckige Becken besteht aus Sandstein und ist mit Alabasterreliefs verziert.
Einst schmückten mehrere steinerne Epitaphien die Kirche. Erhalten geblieben ist das Grabdenkmal, das Bürgermeister Andreas Fischer für seine im Jahr 1611 verstorbene Ehefrau setzen ließ.
Zehn Jahre Bauzeit für die Compenius-Orgel
Eine besondere Rolle in der Geschichte der Martinikirche spielt ihre Orgel. Der Magdeburger Orgelbaumeister Esaias Compenius errichtete sie zwischen 1603 und 1613. Von diesem Instrument sind heute noch Teile erhalten.
Der Orgelbau zog sich zum Leidwesen der Kroppenstedter über zehn Jahre hin. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass Compenius gleichzeitig an einer Orgel für Herzog Heinrich Julius von Braunschweig-Wolfenbüttel arbeitete.
Diese Orgel befindet sich seit 1616 im Schloss Frederiksborg bei Kopenhagen.
Reubke-Orgel und historische Bürgerwappen
1857 und 1858 erfolgte ein Neubau der Kroppenstedter Orgel im romantischen Stil durch den Orgelbaumeister Adolf Reubke aus Hausneindorf.
Auch die Orgelempore selbst erzählt ein Stück Stadtgeschichte. Dort befinden sich die Wappen des Seniors des Halberstädter Domkapitels, Joachim Georg von der Schulenburg, und seiner Gemahlin. Daneben sind Wappen Kroppenstedter Bürger zu sehen.
Zwei Orgeln in einem Gehäuse
Eine Restaurierung, die 2014 abgeschlossen wurde, führte zu einer außergewöhnlichen Lösung: Heute befinden sich zwei unterschiedliche Orgeln beziehungsweise Orgelwerke in einem gemeinsamen Gehäuse.
Beide können nur getrennt voneinander gespielt werden. Auf diese Weise bleibt die Arbeit der beiden prägenden Orgelbaumeister Esaias Compenius und Adolf Reubke nachvollziehbar.
Gerade diese Verbindung unterschiedlicher Epochen macht die Martinikirche zu einer interessanten Station für alle, die sich für Kirchenbau, Orgelgeschichte und die Geschichte Kroppenstedts interessieren. Bei einem Rundgang durch die Stadt lässt sich hier eindrucksvoll erleben, wie sich ein Bauwerk über Jahrhunderte verändert und zugleich historische Spuren bewahrt hat.