Kroppenstedter Rathaus – Gericht, Gefängnis und Stadtgeschichte unter einem Dach
Das historische Rathaus gehört zu den außergewöhnlichsten Sehenswürdigkeiten Kroppenstedts. Hinter seinen Mauern sind zahlreiche Spuren der Stadtgeschichte erhalten geblieben – vom früheren Gerichtssaal und zwei alten Gefängniszellen über ein umfangreiches Stadtarchiv bis hin zum historischen Trauzimmer und den Gewölben des Ratskellers. Viele dieser Bereiche erzählen bis heute davon, wie Verwaltung, Rechtsprechung und städtisches Leben über Jahrhunderte organisiert waren.
Ein Rathaus mit jahrhundertealter Geschichte
Kroppenstedt wurde im Jahr 934 erstmals urkundlich erwähnt. Nach heutigem Erkenntnisstand gab es mindestens ein Vorgänger-Rathaus, bevor 1598 der Grundstein für das heutige Gebäude gelegt wurde.
Das Rathaus entstand im spätgotischen Stil und erhielt unter anderem zwei Dacherker sowie einen Dachreiter.
Ein großer Stadtbrand im Jahr 1713 beschädigte das Gebäude erheblich. Anschließend wurde es saniert. Nach umfangreichen Arbeiten erhielt das Rathaus ab 1719 im Wesentlichen das Erscheinungsbild, das es bis heute prägt.
Wo früher Recht gesprochen wurde
Kroppenstedt verfügte schon früh über besondere Privilegien. Dazu gehörte auch das Recht, bei kleineren Delikten eigenständig Recht zu sprechen.
Deshalb wurde im oberen Stockwerk des Ende des 16. Jahrhunderts neu errichteten Rathauses ein eigener Gerichtssaal eingerichtet. Dort wurden Beschuldigte angeklagt und im Falle einer erwiesenen Schuld verurteilt.
Besonders praktisch aus Sicht der damaligen Rechtsprechung: Das Gefängnis befand sich unmittelbar neben dem Gerichtssaal. Wer zu einer Arreststrafe verurteilt wurde, konnte seine Strafe unmittelbar antreten.
Bis heute sind zwei historische Gefängniszellen erhalten. Ebenso existiert der frühere Gerichtssaal noch. Heute dient er allerdings nicht mehr der Rechtsprechung, sondern wird als Ratssaal genutzt.
Zwei bekannte Gefangene: Compenius und Kugler
Zu den wohl prominentesten Insassen der Kroppenstedter Gefängniszellen gehörten Esaias Compenius und Martin Kugler.
Compenius war Anfang des 17. Jahrhunderts damit beauftragt worden, eine Orgel für die Martinikirche zu bauen. Martin Kugler erhielt Mitte des 17. Jahrhunderts den Auftrag, anstelle des bisherigen hölzernen Freikreuzes ein Kreuz aus Sandstein zu errichten.
Mit der Arbeitsweise beider Männer waren die Kroppenstedter Ratsleute offenbar nicht zufrieden. Beide wurden angeklagt und zeitweise inhaftiert. Nach ihrem Arrest führten sie ihre Arbeiten so aus, wie es von den Kroppenstedtern erwartet wurde.
Diese Episode verbindet das Rathaus unmittelbar mit weiteren historischen Sehenswürdigkeiten der Stadt und macht deutlich, wie eng kommunale Verwaltung, Rechtsprechung und Stadtentwicklung damals miteinander verbunden waren.
Mehr als 3.000 historische Akten im Stadtarchiv
Eine weitere Besonderheit des Kroppenstedter Rathauses ist das historische Archiv. Es umfasst mehr als 3.000 Akten, von denen einige älter sind als das heutige Rathaus selbst.
Das älteste erhaltene Schriftstück ist ein Pergament aus dem Jahr 1466. Dabei handelt es sich um eine Verschreibungsurkunde des Domkapitels zu Halberstadt.
Zum Bestand gehören darüber hinaus unter anderem:
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Ratsprotokolle,
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Steuerunterlagen,
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Brauregister,
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Einwohnerlisten,
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Einquartierungslisten,
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Prozessvollmachten,
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Schul- und Kirchenakten,
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Kalendarien,
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Unterlagen zu Handel und Gewerbe
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sowie zahlreiche weitere historische Schriftstücke.
Für die Erforschung der Geschichte Kroppenstedts und seiner Bewohner ist dieses Archiv damit von besonderem Wert.
Von der Rüstkammer zum historischen Archiv
Untergebracht ist das Archiv in der früheren Rüstkammer, also der einstigen Waffenkammer des Rathauses.
Die dortigen räumlichen Bedingungen haben offenbar dazu beigetragen, dass die historischen Unterlagen in einem sehr guten Zustand erhalten geblieben sind.
Der Archivbestand wächst zudem weiter. Kroppenstedter Bürger haben in jüngerer Zeit eigene Unterlagen oder Dokumente aus Nachlässen dem Archiv zur Verfügung gestellt. Dazu gehören beispielsweise Tagebücher oder Aufzeichnungen über betriebliche Entwicklungen, die nach und nach in den Archivbestand eingeordnet werden.
Das historische Trauzimmer
Auch das Trauzimmer gehört zu den besonderen Räumen des Kroppenstedter Rathauses.
In den 1930er Jahren wurde es vom Halberstädter Kunstmaler Walter Gemm gestaltet. Drei Wandgemälde zeigen die Lebensabschnitte „Lebensmorgen“, „Lebensmittag“ und „Lebensabend“.
Über dem massiven Schreibtisch des Standesbeamten hängt außerdem eine Balkenlampe mit einer von Otto Gemm geschaffenen Holzplastik. Sie stellt zwei für Kroppenstedt damals bedeutende Berufe dar: einen Bauern und einen Steinsetzer.
Vor der Corona-Zeit fanden in diesem Trauzimmer regelmäßig Eheschließungen statt. Später wurden Trauungen wegen des größeren Platzangebotes vor allem in den Ratssaal verlegt.
Vom Pferdestall zum Ratskeller
Auch unter dem Rathaus gibt es Spuren früherer Zeiten zu entdecken.
In den Kellergewölben befand sich zur Zeit der Postkutschen ein Pferdestall mit Tränke. Dort konnten sich Postreiter ausruhen und ihre Pferde wechseln.
Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten wurde der Rathauskeller im Jahr 1998 zum Ratskeller umgestaltet.
Eine öffentliche Gaststätte ist dieser Ratskeller allerdings nicht. Die historischen Kellergewölbe sind nur zu besonderen Anlässen beziehungsweise im Rahmen entsprechender Besichtigungen zugänglich.
Die Freitreppe und zwei historische Eingänge
Auffällig ist auch die eindrucksvolle Freitreppe an der Nordseite des Rathauses. Sie führt zum Haupteingang des Gebäudes.
Dort befinden sich zwei Türen. Heute führen beide in den Vorraum des Rathauses. Ursprünglich hatten sie jedoch unterschiedliche Funktionen.
Die rechte Tür führte in den eigentlichen Verwaltungsbereich des Rathauses. Durch die linke Tür gelangte man in den damaligen Ratskeller.
Vom Verwaltungssitz zur historischen Sehenswürdigkeit
Bis zum Jahr 1993 war das Kroppenstedter Rathaus der Sitz der städtischen Verwaltung. Im Zuge einer Gebietsreform wurde die Verwaltung anschließend nach Gröningen verlegt.
Seither wird das Gebäude unter anderem als Beratungsort für den Kroppenstedter Stadtrat und weitere Gremien genutzt.
Gleichzeitig ist das Rathaus zu einem wichtigen Ort für die Vermittlung der Kroppenstedter Geschichte geworden. Gerichtssaal, Gefängniszellen, Archiv, Trauzimmer, Ratskeller und die zahlreichen erhaltenen Details machen sichtbar, wie eng hier über Jahrhunderte Rechtsprechung, Verwaltung und städtischer Alltag miteinander verbunden waren.
Gerade für einen Rundgang durch Kroppenstedt bietet das Rathaus deshalb ungewöhnlich viele Geschichten an einem einzigen Ort.